Erschienen in: Mobility 2.0 Juli 2011, S. 12
Atakt  |  

Green eMotion & Smart Grids

Mobility 2.0 sprach mit vier Branchen-Experten. Alle Gespräche finden Sie als Videomitschnitte in voller Länge auf www.youtube.com/publishindustry unter „VIP-Talks zu Mobilitätsthemen“. * IM MOBILITY 2.0-GESPRÄCH: Ralph Griewing, Siemens Energy und Dr. Klaus Mittelbach, ZVEI FOTO: publish-industry www.mobility20.net/PDF/M20711004

 Herr Griewing, Ende März hat die Fachöffentlichkeit, die sich für Elektromobilität interessiert, nach Brüssel gesehen. Dort wurde das Projekt Green eMotion vorgestellt – was kann man sich darunter vorstellen?

Ralph Griewing: Die Europäische Kommission hat eine auf vier Jahre angelegte länderübergreifende Initiative zur Förderung der Elektromobilität ins Leben gerufen. In ausgewählten europäischen Modellregionen sollen die 42 beteiligten Industrieund Automobilunternehmen, Stromversorger, Stadtverwaltungen und Universitäten sowie Prüf- und Forschungseinrichtungen ihr Wissen und ihre Erfahrungen einbringen, austauschen und erweitern. Nach Siim Kallas, dem Vizepräsident der Europäischen Kommission sowie Kommissar für Verkehr, leistet Elektromobilität einen wichtigen Beitrag auf dem Weg zu einer Verringerung der CO2-Emissionen. Das Projekte Green eMotion soll für einen schnellen Erfolg von Elektrofahrzeugen sorgen. Das Projektvolumen ist auf 42 Millionen Euro ausgelegt, von denen die EU bis zu 24 Millionen Euro beisteuert.

Welche Rolle spielt Siemens in diesem Projekt?

Siemens hat die Projektkoordination und in diesem Zusammenhang die Führung des Konsortiums inne. Daneben beteiligt sich Siemens aktiv in acht der insgesamt elf Work Packages.

Was werden die nächsten erkennbaren Schritte sein?

In bestehenden und neu einzurichtenden Modellregionen innerhalb Europas sollen die Partner der Initiative Green eMotion Erfahrungen mit der Elektromobilität sammeln und die Technik weiterentwickeln. Die Initiative hat vor allem die Entwicklung europaweit einheitlicher Prozesse, Standards und IT-Lösungen als Ziel. Diese Vereinheitlichung ist Voraussetzung dafür, dass die Nutzer von Elektrofahrzeugen einfachen und grenzenlosen Zugang zu Ladeinfrastruktur und den damit verbundenen Dienstleistungen quer durch die gesamte Europäische Union haben werden. Standardisierung ist darüber hinaus eine Grundvoraussetzung für eine schnelle und kostengünstige Einführung der Elektromobilität.

Betrifft das mehr die Software-technischen und Abrechnungselemente oder auch den berühmten Ladestecker?

Es betrifft alles – wie Autos aufgebaut werden, welche Infrastruktur benötigt wird, wie getankt werden kann, wie Autos abgerechnet werden. Welche Softwarelösungen brauchen wir um solche Netze steuern zu können? Hier kommt die Thematik des Smart Grid, des intelligenten Netzes, ins Spiel. Wenn um die 10.000 Ladestationen aufgebaut werden und diese alle gleichzeitig zum Tanken genutzt werden, dann haben sie Energieflüsse, welche sie intelligent steuern müssen.

Wann werden wir eine substantielle Anzahl von Ladestationen sehen?

In Deutschland haben wir bis Dato wenig Infrastruktur aufgebaut. Derzeit werden zirka 1500 bis 1900 Elektroautos in Deutschland genutzt. Diese Zahl wird sich jedoch signifikant erhöhen. Aber auch die dazu benötigte Infrastruktur wird nun rapide wachsen. Die im Green-eMotion-Projekt eingebundenen Modellregionen werden in Summe mehr als 10.000 Ladesäulen aufweisen. Haben sie Autos, braucht man eine Ladeinfrastruktur. Ist die Ladeinfrastruktur da, dann kommen die Autos.

Deutschland ist ein Auto-Land. Wie kann die Industrie auf diese Anforderung reagieren? Will sie im industriellen Maßstab Elektroautos produzieren, muss sie sich selbst neu erfinden.

Deutschland hat eine riesen Chance. Wir sind führend in der Automobiltechnologie. Wir sind führend im Thema Energietransport und -verteilung. Wir sind mit leitenden Unternehmen beteiligt im Bereich der Informationstechnologie. Genau diese drei Komponenten brauchen Sie.

Wo sehen Sie heute hinsichtlich der Technik die großen Herausforderungen? Sind es die Akkus oder die Antriebe?

Die gesamte Technologie ist noch sehr jung und man lernt noch in den einzelnen Bereichen. Ein großes Thema dabei ist die Informationstechnologie. Bedeutend ist auch die Batteriethematik. Das Gewicht und auch die Leistungsfähigkeit der Batterien, welche festlegen, wie weit sie mit ihrem Auto fahren können. Damit wird sich die Branche mit Sicherheit in den nächsten Jahren ausgiebig beschäftigen.

Theoretisch kann man ein Elektrofahrzeug nicht nur laden, sondern den Strom auch zurück ins Netz speisen, um das durch erneuerbare Energien stark schwankende Strom angebot auszugleichen. Ist dieses Vehicle-to-Grid-Konzept realistisch?

Für Siemens ist dieses Thema ein wichtiges Element des Smart Grids. Wir werden in Deutschland mehr und mehr auf erneuerbare Energien umsteigen. Sonnen- und Windenergie sind nicht planbar. Daher muss überschüssige, erneuerbare Energie gespeichert werden können. Entweder in großen Pumpspeicher-Kraftwerken oder man nutzt, wie schon erwähnt, die Autobatterie als Speicher. Derartige Untersuchungen werden im Rahmen von Green eMotion und anderen Förderprojekten durchgeführt.

Wem würden Sie heute raten, ein Elektroauto zu kaufen oder zu leasen?

Heute sind Elektroautos besonders für Flottenanwendungen interessant. Für Unternehmen, die ganz genau wissen welche Strecken ihre Autos fahren und letztendlich vorhersagen können, wann sie wieder tanken müssen. Dann gibt es die sogenannten Early Adopter, also diejenigen, sie sich mit neuen Technologien auseinandersetzen möchten. Eine anschauliche Anzahl lernt mit, wirkt als "Pionier" und damit erschließen sich beide Märkte.

Ein Early Adopter zu sein ist aber kein billiges Vergnügen. Können sich das ausreichend viele Interessierte leisten?

Da die Elektroautos im Moment noch kein Massenprodukt sind, sind sie dementsprechend teurer als ein vergleichbares Auto mit Verbrennungsmotor. Jedoch wird sich das ändern. In anderen Ländern, in welchen stark mit Subventionen gearbeitet wird, sind diese Wagen auf ähnlichem Preisniveau.

Das Gespräch führte Dr. Karlhorst Klotz, Mobility 2.0.

 

Warum Elektromobilität Smart Grids braucht

 

Herr Dr. Mittelbach, Elektromobilität gibt es schon mehr als 100 Jahre, sie wurde aber von den Verbrennungsmotoren zurückgedrängt. Warum sollte sie sich jetzt durchsetzen?

Dr. Klaus Mittelbach: Zu den drängendsten Herausforderungen der internationalen Politik gehören der Klimaschutz und die Begrenzung der klimaschädlichen Treibhausgasemissionen. Hinzu kommt das rasche Wachstum der Weltbevölkerung. Um die Zukunft unserer Kinder zu sichern, müssen jetzt wichtige Weichenstellungen vorgenommen werden, damit wir den CO2-Ausstoß in den Griff bekommen. Der Elektromobilität fällt dabei eine Schlüsselfunktion zu. Klimapolitisch macht Fahren mit Strom aber nur Sinn, wenn die Energie dafür aus regenerativen Quellen kommt. Dafür brauchen wir Smart Grids: Der ZVEI tritt deshalb dafür ein, dass Energie-Infrastruktur und Elektroautos eine Symbiose eingehen. Dieser Zusammenhang wird inzwischen auch von der Politik verstanden.

Wir reden hier also wirklich von einer interdisziplinären Technologie – Elektromobilität muss tatsächlich verschiedene Disziplinen zusammenführen.

Das ist die einzige Möglichkeit, solche Technologiesprünge zum Erfolg zu führen. Alle Beteiligten müssen an einem Strang ziehen. Wie das gehen kann, hat die Nationale Plattform Elektromobilität (NPE) gerade vorgeführt. Wir haben in Deutschland tolle Voraussetzungen, denn wir sind in vielen Teilkomponenten ohnehin Markt- oder Technologieführer. Jetzt geht es darum, neue Systeme zu justieren, damit wir das in Zukunft auch bleiben. Deutschland kann Leitanbieter und -markt für Elektromobilität werden.

Eine wichtige Rolle spielt dabei die technische Standardisierung. Gerade bei der Elektromobilität wird schon seit vielen Jahren über verschiedene Standards diskutiert. Wo stehen wir im Augenblick bei der globalen Standardisierung und was sind die zentralen Herausforderungen dabei?

Standardisierung hat die Aufgabe, neue Märkte zu schaffen, um zusätzliche Absatzchancen für die Wirtschaft zu eröffnen. Wenn Deutschland Leitanbieter für Elektromobilität sein will, brauchen wir Standards, die im Weltmarkt wirken. Zusätzlich ist Tempo entscheidend – es kann nicht immer darum gehen, auch noch den letzten "I-Punkt" zu definieren. Geschwindigkeit geht mitunter vor Perfektion, Globalität vor Regionalismus. Deutschland und Frankreich haben das verstanden. Denn auf beiden Seiten des Rheins gibt es ausreichend Unternehmen, die ein gemeinsames Interesse haben, Elektromobilität im Weltmaßstab voranzubringen. Solche Entwicklungen stimmen mich optimistisch, dass wir bei der Schlüsseltechnologie Elektromobilität in den nächsten Jahren große Fortschritte sehen werden.

Das Gespräch führte Kilian Müller, Verlagsleiter von publishindustry und Herausgeber von Mobility 2.0.

• more@click-Code: M20711004

Kontaktdaten

Siemens AG I IA&DT CC
Gleiwitzer Straße 555
90475 Nürnberg
Deutschland
T +49-911-895-0
zur Website
GO TOP

Ähnliche Artikel

Atakt | Fachbericht

Rennen ohne Reue

Businessprofile